Amerikanische Chiropraktik
Amerikanische Chiropraktik: Alles über Ausbildung, Techniken & Unterschiede zur europäischen Chiropraktik
Einleitung
In den USA ist die Chiropraktik eine etablierte und weit verbreitete Behandlungsmethode. Wussten Sie, dass über 35 Millionen Amerikaner jedes Jahr einen Chiropraktiker aufsuchen? [1] Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff “amerikanische Chiropraktik” und wie unterscheidet sie sich von der in Europa praktizierten Form? Dieser Artikel bietet einen umfassenden Einblick in die Welt der amerikanischen Chiropraktik, von ihren historischen Wurzeln über die intensive Ausbildung und spezifischen Techniken bis hin zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und modernen Trends. Wir beleuchten die grundlegenden Unterschiede zur europäischen Chiropraktik, analysieren Kosten und Versicherungsfragen und zeigen auf, wo Sie auch in Deutschland qualifizierte, in den USA ausgebildete Chiropraktiker finden können. Bereiten Sie sich darauf vor, ein tiefes Verständnis für eine der faszinierendsten und am schnellsten wachsenden Gesundheitsdisziplinen der Welt zu gewinnen.
Geschichte und Ursprünge der amerikanischen Chiropraktik
Die Geschichte der amerikanischen Chiropraktik ist untrennbar mit ihrem Gründer, Daniel David Palmer, verbunden. Palmer, ein in Kanada geborener und in die USA emigrierter Spiritist und Magnetheiler, führte am 18. September 1895 in Davenport, Iowa, die erste chiropraktische Justierung durch. [2] Sein Patient war Harvey Lillard, ein Hausmeister, der unter einer starken Schwerhörigkeit litt. Palmer entdeckte einen schmerzhaften Knoten auf Lillards Rücken und vermutete einen Zusammenhang mit dessen Hörproblemen. Nach einer gezielten Manipulation der Wirbelsäule berichtete Lillard von einer deutlichen Verbesserung seines Gehörs. [3] Dieses Ereignis gilt als die Geburtsstunde der Chiropraktik.
Im Jahr 1897 gründete Palmer die Palmer School and Cure in Davenport, die später zum weltbekannten Palmer College of Chiropractic wurde. [4] Einer seiner ersten und einflussreichsten Schüler war sein eigener Sohn, B.J. Palmer, der die Chiropraktik weiterentwickelte und zu einer anerkannten Profession formte. Die frühen Jahre der Chiropraktik waren jedoch von Konflikten geprägt. Palmer selbst wurde 1906 wegen der Ausübung von Medizin ohne Lizenz strafrechtlich verfolgt und verbrachte 17 Tage im Gefängnis. [5]
Die Philosophie der Chiropraktik wies in ihren Anfängen Ähnlichkeiten mit der Osteopathie auf, die ein Jahrzehnt zuvor von Andrew Taylor Still begründet worden war. Beide Disziplinen betrachteten den Körper als eine Maschine, deren Teile manipuliert werden konnten, um Krankheiten ohne Medikamente zu heilen. Palmer unterschied seine Methode jedoch durch die Betonung der “Subluxation” – einer Wirbelverschiebung, die den Nervenfluss stört – als Ursache von 95% aller Krankheiten. [6] Er war zudem der erste, der Kurzhebeltechniken an den Dorn- und Querfortsätzen der Wirbel anwandte. Trotz anfänglicher Leugnung gab Palmer 1899 zu, dass die “Chiropraktik die zur Saat gegangene Osteopathie” sei. [7]
“Eine subluxierte Wirbel… ist die Ursache von 95 Prozent aller Krankheiten… Die anderen fünf Prozent werden durch verschobene Gelenke außerhalb der Wirbelsäule verursacht.” – Daniel David Palmer [6]
In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich die Chiropraktik in den gesamten USA. Palmer und seine Nachfolger gründeten weitere Schulen in Oklahoma, Kalifornien und Oregon und legten so den Grundstein für eine Profession, die heute ein integraler Bestandteil des amerikanischen Gesundheitssystems ist.
Grundprinzipien der amerikanischen Chiropraktik
Die amerikanische Chiropraktik basiert auf einer Reihe von Grundprinzipien, die sich seit ihrer Gründung weiterentwickelt haben. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen der Struktur des Körpers, insbesondere der Wirbelsäule, und seiner Funktion, die über das Nervensystem gesteuert wird. Die traditionelle, vitalistische Philosophie, die auf D.D. Palmer zurückgeht, postuliert eine angeborene Intelligenz (“Innate Intelligence”), eine Lebenskraft, die durch das Nervensystem fließt und die Selbstheilungskräfte des Körpers steuert. [8] Eine Wirbelverschiebung, die sogenannte “Subluxation”, kann diesen Fluss stören und zu Krankheiten führen. Die Aufgabe des Chiropraktikers ist es, diese Subluxationen durch gezielte Justierungen zu korrigieren und so die volle Funktion des Nervensystems und die Gesundheit wiederherzustellen.
Während dieser vitalistische Ansatz in einigen Kreisen der amerikanischen Chiropraktik nach wie vor eine Rolle spielt, hat sich ein Großteil der Profession in den letzten Jahrzehnten einem evidenzbasierten, muskuloskelettalen Modell zugewandt. Dieser moderne Ansatz konzentriert sich auf die Diagnose und Behandlung von neuro-muskuloskelettalen Störungen und deren Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit. Die Subluxation wird hier weniger als eine knöcherne Verschiebung, sondern vielmehr als ein komplexes Gelenkfunktionsstörungs-Syndrom (segmentale Dysfunktion) verstanden, das biomechanische und neurologische Konsequenzen hat. [9] Die Behandlung zielt darauf ab, die Gelenkbeweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu reduzieren und die Funktion wiederherzustellen, basierend auf einer gründlichen Diagnose und wissenschaftlich fundierten Behandlungsmethoden.
Ausbildung und Qualifikation amerikanischer Chiropraktiker
Ein wesentlicher Unterschied zwischen der amerikanischen und der in vielen europäischen Ländern praktizierten Chiropraktik liegt in der Ausbildung. In den USA absolvieren angehende Chiropraktiker ein anspruchsvolles, vierjähriges Vollzeitstudium an einem akkreditierten College, das mit einem medizinischen Studium vergleichbar ist und mit dem Titel “Doctor of Chiropractic” (D.C.) abschließt. [10] Voraussetzung für die Zulassung ist in der Regel ein abgeschlossenes Bachelor-Studium mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt.
Das Studium umfasst über 4.800 Stunden und beinhaltet eine intensive Ausbildung in Grundlagenwissenschaften wie Anatomie, Physiologie, Neurologie und Radiologie sowie in klinischen Fächern und chiropraktischen Techniken. [11] Ein einjähriges klinisches Praktikum mit direkter Patientenbetreuung ist ebenfalls obligatorisch. Renommierte Institutionen wie das Palmer College of Chiropractic oder das Northwestern College of Chiropractic setzen weltweit Standards in der chiropraktischen Ausbildung. Nach dem Studium müssen die Absolventen eine staatliche Lizenzprüfung (National Board of Chiropractic Examiners) ablegen, um praktizieren zu dürfen.
Diese umfassende, wissenschaftlich fundierte Ausbildung unterscheidet den amerikanischen D.C. deutlich von der in Deutschland üblichen Ausbildung zum Heilpraktiker, die oft in Teilzeit oder an Wochenenden absolviert wird und in Umfang und Tiefe nicht mit dem amerikanischen Studium vergleichbar ist. Während Heilpraktiker eine wichtige Rolle im deutschen Gesundheitssystem spielen, fehlt ihnen die spezifische, hochspezialisierte Ausbildung in der Diagnostik und Behandlung von neuro-muskuloskelettalen Erkrankungen, die einen Doctor of Chiropractic auszeichnet.
Amerikanische Chiropraktik-Techniken
Im Laufe der Jahre haben sich in der amerikanischen Chiropraktik zahlreiche Techniken entwickelt. Die meisten Chiropraktiker nutzen eine Kombination verschiedener Methoden, um ihre Behandlungspläne individuell auf die Bedürfnisse der Patienten abzustimmen. Zu den bekanntesten und am weitesten verbreiteten Techniken gehören:
- Diversified Technique: Dies ist die am häufigsten angewandte Technik. Sie beinhaltet eine sehr präzise, manuelle Justierung, um die normale Beweglichkeit und Funktion der Wirbelsäulengelenke wiederherzustellen. [12]
- Gonstead Technique: Entwickelt von Clarence S. Gonstead im Jahr 1923, ist diese Methode ein sehr spezifisches System der Analyse und Justierung der Wirbelsäule. Sie nutzt Kriterien wie Visualisierung, Instrumentierung (mit einem Nervoskop), statische und dynamische Palpation sowie Röntgenanalyse, um die genaue Position der Subluxation zu bestimmen. [13]
- Thompson Drop-Table Technique: Diese Technik verwendet einen speziellen Behandlungstisch mit beweglichen Segmenten (Drops). Wenn der Chiropraktiker eine Justierung durchführt, fällt das entsprechende Segment des Tisches ein kurzes Stück ab, was die für die Korrektur erforderliche Kraft reduziert und die Behandlung für den Patienten angenehmer macht. [14]
- Activator Methods: Hierbei wird ein kleines, handgehaltenes Instrument verwendet, um eine sanfte, präzise Impulskraft auf die Wirbelsäule oder andere Gelenke auszuüben. Diese Methode gilt als besonders schonend und eignet sich gut für ältere Patienten oder Kinder. [15]
- Upper Cervical Techniques: Diese Techniken (z.B. Atlas Orthogonal, NUCCA) konzentrieren sich ausschließlich auf die oberen beiden Halswirbel (Atlas und Axis), da man davon ausgeht, dass Fehlstellungen in diesem Bereich weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Körper haben können.
- Sacro-Occipital Technique (SOT): Diese Methode konzentriert sich auf die Beziehung zwischen dem Kreuzbein (Sacrum) und dem Hinterhaupt (Occiput) und nutzt keilförmige Blöcke, die unter das Becken des Patienten gelegt werden, um die Schwerkraft zur Korrektur von Fehlstellungen zu nutzen. [16]
Wissenschaftliche Evidenz und Wirksamkeit
Die Wirksamkeit der Chiropraktik, insbesondere der Wirbelsäulenmanipulation, war lange Zeit Gegenstand von Debatten. In den letzten Jahren hat jedoch eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Studien die Effektivität chiropraktischer Behandlungen für bestimmte Beschwerden belegt. Eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 ergab, dass die Wirbelsäulenmanipulation zu einer moderaten Verbesserung von Schmerzen und Funktion bei Patienten mit akuten Kreuzschmerzen führt. [18] Andere Studien haben gezeigt, dass die chiropraktische Behandlung bei chronischen Nackenschmerzen, insbesondere in Kombination mit Übungen, wirksam sein kann. [19]
Eine bedeutende Studie, die 2023 vom Palmer College of Chiropractic veröffentlicht wurde, lieferte bisher die stärksten Beweise für die Sicherheit und Wirksamkeit der Chiropraktik. Die Studie ergab, dass die Hinzunahme von chiropraktischer Behandlung zur üblichen medizinischen Versorgung eine größere Linderung bei Kreuzschmerzen bewirkte als die medizinische Versorgung allein. [20] Dies unterstreicht das Potenzial der Chiropraktik als integraler Bestandteil eines multimodalen Behandlungsansatzes.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die wissenschaftliche Evidenz für die Behandlung von nicht-muskuloskelettalen Erkrankungen durch Chiropraktik begrenzt ist. Die Behauptung, dass die Korrektur von Subluxationen eine Vielzahl von organischen Krankheiten heilen kann, wird von der aktuellen wissenschaftlichen Literatur nicht gestützt. Die Stärke der amerikanischen Chiropraktik liegt in der evidenzbasierten Diagnose und Behandlung von Funktionsstörungen des Bewegungsapparates.
Amerikanische Chiropraktik in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es eine wachsende Zahl von Chiropraktikern, die ihre Ausbildung in den USA absolviert haben und nach den Prinzipien der amerikanischen Chiropraktik praktizieren. Diese Praxen bieten oft ein anderes Behandlungsspektrum und eine andere Philosophie als die von Heilpraktikern oder Ärzten mit der Zusatzbezeichnung “Chirotherapie” angebotene manuelle Therapie.
Ein Beispiel ist das American Institute of Chiropractic in Hamburg, das seit über 25 Jahren Ärzte, Heilpraktiker und andere Gesundheitsanbieter in der traditionellen amerikanischen Chiropraktik ausbildet. [21] Das Institut bietet ein umfangreiches 2-Jahres-Programm mit 24 Modulen an, das spezifische Techniken wie die Gonstead-Technik, SOT und Instrumenten-Justierung abdeckt. Für diese Kurse werden sogar CME-Punkte von der Ärztekammer Hamburg vergeben, was auf eine zunehmende Anerkennung hindeutet.
Die Kosten für eine Behandlung bei einem in den USA ausgebildeten Chiropraktiker in Deutschland können variieren. Eine Praxis in Köln gibt beispielsweise Kosten von 120 € für die Erstuntersuchung und Behandlung und 70 € für Folgetermine an. [22] Die Kostenübernahme durch gesetzliche oder private Krankenkassen ist nicht einheitlich geregelt und sollte im Einzelfall geklärt werden. Rechtlich gesehen praktizieren die meisten D.C.s in Deutschland als Heilpraktiker, da der Beruf des Chiropraktikers hierzulande kein eigenständiger, staatlich anerkannter Heilberuf ist.
Amerikanische vs. Europäische Chiropraktik: Ein Vergleich
Obwohl die Chiropraktik ihre Wurzeln in den USA hat, hat sie sich in Europa anders entwickelt. Eine 2019 im Fachjournal Chiropractic & Manual Therapies veröffentlichte Studie untersuchte die Überzeugungen und Praktiken europäischer Chiropraktiker und offenbarte signifikante Unterschiede zum amerikanischen Modell. [17]
Die Studie teilte die europäischen Chiropraktiker in zwei Gruppen ein: eine “orthodoxe”, evidenzbasierte Gruppe (79,9%) und eine “unorthodoxe”, eher vitalistisch-traditionelle Gruppe (20,1%). Diese unorthodoxe Gruppe, die den historischen Lehren Palmers nähersteht, ist in den USA tendenziell stärker vertreten, auch wenn genaue Zahlen schwer zu erheben sind. Die Unterschiede manifestieren sich in konkreten Praxisaspekten:
- Röntgen: 23% der unorthodoxen Gruppe röntgen mehr als die Hälfte ihrer neuen Patienten, verglichen mit nur 5% in der orthodoxen Gruppe. Dies spiegelt die in der traditionellen amerikanischen Chiropraktik (z.B. Gonstead-Technik) verankerte Bedeutung der Röntgenanalyse wider.
- Patientenvolumen: 22% der unorthodoxen Chiropraktiker behandeln mehr als 150 Patienten pro Woche, doppelt so viele wie in der orthodoxen Gruppe (11%). Dies deutet auf ein anderes Praxismodell hin, das oft auf kürzere, fokussierte Justierungen ausgerichtet ist.
- Impfungen: 57% der unorthodoxen Gruppe stimmten der Aussage nicht zu, dass Impfungen einen positiven Effekt auf die globale öffentliche Gesundheit haben, im Gegensatz zu nur 4% in der orthodoxen Gruppe. Dies zeigt eine tiefere philosophische Kluft und eine größere Skepsis gegenüber der etablierten Medizin in der traditionalistischen Strömung.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die amerikanische Chiropraktik ein breiteres Spektrum an Philosophien und Praktiken umfasst, mit einem stärkeren Festhalten an den vitalistischen Ursprüngen in einem Teil der Profession. Die europäische Chiropraktik ist hingegen stärker von einem evidenzbasierten, muskuloskelettalen Ansatz geprägt, der sich enger an der Mainstream-Medizin orientiert.
Moderne Trends und Zukunft (2024-2025)
Die Chiropraktik ist eine dynamische Profession, die sich ständig weiterentwickelt. Für die Jahre 2024 und 2025 zeichnen sich mehrere wichtige Trends ab, die die Zukunft der amerikanischen Chiropraktik prägen werden: [23]
- Digitalisierung und Telemedizin: Wie in vielen anderen Bereichen des Gesundheitswesens halten auch in der Chiropraktik digitale Technologien Einzug. Praxismanagement-Software, elektronische Patientenakten und Online-Terminbuchungen sind bereits Standard. Zunehmend werden auch telemedizinische Beratungen angeboten, um Patienten aus der Ferne zu betreuen und Behandlungspläne zu besprechen.
- Integration in die Mainstream-Medizin: Die Zusammenarbeit zwischen Chiropraktikern und anderen medizinischen Fachkräften nimmt zu. Immer mehr Krankenhäuser und interdisziplinäre Praxen integrieren chiropraktische Leistungen in ihr Angebot, insbesondere in der Schmerztherapie und Rehabilitation.
- Präventive und ganzheitliche Ansätze: Der Fokus verschiebt sich zunehmend von der reinen Schmerzbehandlung hin zu präventiven Maßnahmen und einem ganzheitlichen Wellness-Ansatz. Chiropraktiker beraten ihre Patienten vermehrt zu Themen wie Ernährung, Bewegung und Stressmanagement, um die allgemeine Gesundheit zu fördern und zukünftigen Beschwerden vorzubeugen.
- Sportmedizin: Die Betreuung von Sportlern ist ein wachsendes Feld für Chiropraktiker. Sie helfen bei der Behandlung von Sportverletzungen, der Leistungsoptimierung und der Prävention.
- Evidenzbasierte Praxis: Die Forderung nach wissenschaftlichen Belegen für die Wirksamkeit von Behandlungen wird lauter. Die Profession investiert verstärkt in Forschung, um die Mechanismen und den Nutzen der Chiropraktik besser zu verstehen und zu dokumentieren.
Kosten und Versicherung
Die Kosten für chiropraktische Behandlungen können je nach Standort, Erfahrung des Chiropraktikers und Art der Behandlung erheblich variieren. In den USA liegt die durchschnittliche Spanne für einen einzelnen Besuch zwischen 60 und 200 US-Dollar. [24] Viele Krankenversicherungen in den USA, einschließlich der meisten großen Anbieter, decken chiropraktische Leistungen ab, oft jedoch mit Einschränkungen hinsichtlich der Anzahl der Besuche oder der Art der abgedeckten Behandlungen. Medicare, das staatliche Versicherungsprogramm für ältere Menschen, deckt beispielsweise nur die manuelle Manipulation der Wirbelsäule zur Korrektur einer Subluxation ab, nicht aber andere Dienstleistungen wie Röntgenaufnahmen oder diagnostische Tests. [25]
In Deutschland, wo die amerikanische Chiropraktik nicht als eigenständiger Heilberuf anerkannt ist, ist die Kostensituation anders. Die Behandlungen werden in der Regel als Heilpraktikerleistung abgerechnet. Die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen ist selten und meist auf wenige Kassen beschränkt, die spezielle Tarife für alternative Heilmethoden anbieten. Private Krankenversicherungen oder Zusatzversicherungen für Heilpraktikerleistungen erstatten die Kosten oft ganz oder teilweise, abhängig vom jeweiligen Vertrag. Es ist daher unerlässlich, die Kostenübernahme vor Beginn einer Behandlung direkt mit der eigenen Krankenkasse zu klären.
Für wen ist amerikanische Chiropraktik geeignet?
Die amerikanische Chiropraktik kann bei einer Vielzahl von Beschwerden des Bewegungsapparates hilfreich sein. Zu den häufigsten Indikationen gehören:
- Akute und chronische Rückenschmerzen
- Bandscheibenprobleme und Ischias
- Nackenschmerzen und Spannungskopfschmerzen
- Migräne
- Bewegungseinschränkungen in der Wirbelsäule und den Gelenken
- Schulter-, Hüft- und Knieschmerzen
- Hexenschuss (Lumbago)
Grundsätzlich ist die Behandlung für Menschen jeden Alters geeignet, von Säuglingen und Kindern bis hin zu Senioren. Qualifizierte Chiropraktiker passen ihre Techniken an das Alter und den Gesundheitszustand des Patienten an. Es gibt jedoch auch Kontraindikationen, bei denen eine chiropraktische Behandlung nicht oder nur mit großer Vorsicht durchgeführt werden sollte. Dazu gehören unter anderem schwere Osteoporose, Knochentumore, akute Arthritis, bestimmte Formen von Bandscheibenvorfällen mit neurologischen Ausfällen und Frakturen im zu behandelnden Bereich. Eine gründliche Anamnese und Untersuchung vor der ersten Behandlung sind daher unerlässlich, um mögliche Risiken auszuschließen.
Fazit und Handlungsempfehlungen
Die amerikanische Chiropraktik ist eine hochentwickelte und wissenschaftlich fundierte Disziplin, die sich auf die Diagnose, Behandlung und Prävention von Störungen des neuro-muskuloskelettalen Systems konzentriert. Ihre Stärke liegt in der intensiven, universitären Ausbildung ihrer Praktiker und einem breiten Spektrum an spezifischen Techniken. Während sie sich in ihrer Philosophie und Praxis in einigen Aspekten von der in Europa vorherrschenden Chiropraktik unterscheidet, gewinnt der evidenzbasierte Ansatz auch in den USA zunehmend an Bedeutung.
Wenn Sie unter Beschwerden des Bewegungsapparates leiden, kann die amerikanische Chiropraktik eine wirksame Behandlungsoption sein. Achten Sie bei der Wahl eines Praktikers in Deutschland auf die Qualifikation “Doctor of Chiropractic” (D.C.) von einem akkreditierten amerikanischen College, um sicherzustellen, dass Sie von einem Experten mit der höchstmöglichen Ausbildung behandelt werden. Klären Sie zudem im Vorfeld die Kostenfrage mit Ihrer Krankenkasse.
Die Zukunft der Chiropraktik liegt in der weiteren Integration in das Gesundheitssystem, der verstärkten Forschung und der Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachrichtungen zum Wohle des Patienten. Die amerikanische Chiropraktik ist gut positioniert, um in dieser Entwicklung eine führende Rolle zu spielen.
Referenzen
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[6] Palmer, D.D. (1910). The Science, Art and Philosophy of Chiropractic. S. 18.
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[12] American Chiropractic Association. “Chiropractic Techniques.” Abgerufen am 29. August 2025, von https://www.acatoday.org/practice-resources/clinical-guidelines/chiropractic-techniques/
[13] Gonstead Clinical Studies Society. “The Gonstead System.” Abgerufen am 29. August 2025, von https://gonstead.com/overviews-of-gonstead-technique/
[14] Thompson Technique Foundation. “The Thompson Technique.” Abgerufen am 29. August 2025, von https://thompsonchiropractictechnique.com/
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[16] Sacro Occipital Technique Organization. “What is SOT?” Abgerufen am 29. August 2025, von https://soto-usa.com/what-is-sot/
[17] Gíslason, H. F., et al. (2019). Chiropractic & Manual Therapies, 27(1), 1-11. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6456953/
[18] Paige, N. M., Miake-Lye, I. M., Booth, M. S., Beroes, J. M., Mardian, A. S., Dougherty, P., … & Shekelle, P. G. (2017). Association of spinal manipulative therapy with clinical benefit and harm for acute low back pain: systematic review and meta-analysis. JAMA, 317(14), 1451-1460.
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[21] American Institute of Chiropractic. “Ausbildungskurse.” Abgerufen am 29. August 2025, von https://www.chiropraktik-institut.de/ausbildung/kurse-termine/
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[25] Medicare.gov. “Chiropractic Services.” Abgerufen am 29. August 2025, von https://www.medicare.gov/coverage/chiropractic-services